Wenn der Transformationsriemen schleift

Impressum: Autor ist Herbert Brändli (Details) – Artikel in stocks.ch (Experten-Kolumne), 28. Oktober 2011. Download Artikel von stocks.ch.

Für Pensionskassen bilden die momentan gebeutelten Finanzmärkte den Transformationsriemen zwischen Vermögen und Anlageuniversum. Bei der Umsetzung ihrer Anlagestrategien bleiben zunehmend hohe Erträge bei Finanzintermediären hängen, die von der Politik zu eigenen Anlageklassen und sogar Eigentümern von Pensionskassengeldern umfunktioniert wurden.

Für die Steigerung der Leistungsfähigkeit und die Schaffung und den Unterhalt von Werk- und Arbeitsplätzen benötigen Volkswirtschaften laufende Kapitalzuflüsse von Sparenden. In funktionierenden Marktwirtschaften ist dafür gesorgt, dass neues Kapital erfolgreichen Unternehmen zufliesst und anderseits Versagern wieder entzogen wird. Risikokapital wird in hohem Mass von Pensionskassen bereitgestellt. Im Bestreben Erträge zu erzielen machen sie ihre Vermögen über die Finanzindustrie der Wirtschaft zugänglich, welche ihnen gewissermassen als Transformationsriemen dient. Der Riemen schleift momentan und die Finanzwirtschaft, insbesondere mathematische und synthetische Produkte, Hedgefonds und Versicherer, reduziert die Erträge aus Basisanlagen teils massiv, wie kürzlich in einer Kostenstudie aufgedeckt wurde.

Zur Erinnerung: Für einen Rentenanspruch von 20 Jahren zahlen Arbeitnehmer 40 Jahre lang einen Teil ihres Lohns in Pensionskassen. 40 Mal 6'000 Franken ergibt beispielsweise ein Altersguthaben von 240'000. Das reicht für 20 Jahresrenten à 12'000 Franken. Entspricht der Beitrag 10% des Lohns, so beträgt die Rente also ohne Zins 20% des Lohns. Eine Pensionskasse kann diese Rente erhöhen, indem sie die vereinnahmten Beiträge anlegt und entsprechend verzinst. Mit 1% Zins erhöht sie die Rente auf 16'093 Franken, mit 2% auf 21'729 Franken, mit 3% auf 29'523 Franken und mit 4% auf 40'339 Franken, was dann 67% an Stelle von 20% des Lohns entspricht.

Das Anlageuniversum der Pensionskassen ist riesig. Sie können ihre Gelder in Unternehmen, Gemeinwesen oder Immobilien stecken und so mit Gewinnen/Dividenden, Kreditzinsen, Mieten oder Hypothekarzinsen Einkommen erzielen. Die entsprechenden Ertragserwartungen, vor Abgeltung der Verwaltungskosten, belaufen sich gemäss langfristigen Erfahrungswerten real auf rund 5,4%, 1,8%, 3,2% bzw. 2%. Mit Geldanlagen können noch 0,9% erwartet werden. Höchstens Spekulationsgewinne aber keinen Ertrag bringen Anlagen in Rohstoffe, Kunst, Katastrophen, Nahrungsmittel etc. und die Hoffnung auf nominelle Sicherheiten beim Abschluss von Versicherungen ist mit wahrscheinlichen Realverlusten verbunden.

Falsche Garantien stehen auch am Ursprung der aktuellen Krise in Wirtschaft und Altersvorsorge. Mit Staatseingriffen wurden der Marktwirtschaft generell und der Finanzwirtschaft insbesondere grundlegende Marktmechanismen entzogen, was zu unechten Anreizen, Fehlallokationen der Vorsorgegelder und am falschen Ort bejammerten Auswüchsen in der Finanzindustrie geführt hat. Banken und Versicherer, die sich mit skurrilen Anlagevehikeln verspekuliert haben, müssen reihenweise vom Staat, d.h. uns Steuerzahlern, gerettet werden. Sie bürgen dafür, dass Pensionskassengelder weiter in Form von billigen Staatsanleihen in marode Staatsschatullen fliessen.

Statt ihr Privateigentum als Anleger und Aktionäre zu schützen enteignet der Staat die Pensionskassen. Eine dieser Praxis entgegenstehende parlamentarische Initiative hatte in der soeben abgeschlossenen Legislaturperiode keine Chance. Sie wollte Pensionskassen verpflichten, dass sie Eigentümer ihrer Aktiven bleiben und diese nicht auf Versicherer auslagern (müssen). Aber statt die Versicherten und ihr Vorsorgeeigentum zu behüten, haben beide Räte dem geschriebenen Gesetz zuwider früher vom Bundesrat verordnete Gewinne der Lebensversicherer zementiert. Die in Frage gestellte „legal Quote“ darf nicht einmal mehr überprüft werden. Dieser politisch angeordnete Rentenklau, an dem die Reform des Mindestumwandlungssatzes in der Volksabstimmung hängen blieb, wurde sogar noch forciert, indem mit versicherungsfreundlichen Aufsichtsorganen die Verwaltung aufgebläht und die Kosten hochgetrieben wurden. Bleibt zu hoffen, dass sich das Volk auch bei der nächsten Abstimmung von unseren Politikern nicht schleifen und für dumm verkaufen lässt.


Herbert Brändli ist Betriebswirtschafter und Eidg. dipl. Pensionsversicherungsexperte mit einem breit diversifizierten Auftragsportefeuille. Herbert Brändli ist Gründer der B+B Vorsorge AG und Verwaltungsratspräsident der B+B Holding AG, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, mehr Dynamik und Transparenz in die berufliche Vorsorge zu bringen und ihren Kunden eine fundierte Beratung sowie interessante Alternativen zu bieten. 

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